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Michaeliskirmes 2016 - Ausgelieferte Tiere, Gefahr für Menschen

Nach dem Beschluss der Stadt Gütersloh, das Ponyleid auf der Kirmes weiter zu unterstützen, geht unsere Dokumentations- und Aufklärungsarbeit unvermindert weiter. So planen wir u. a. für die nächste Kirmes Dauermahnwachen während der Ponydrehzeiten an allen Kirmeseingängen, sowie Demonstrationen direkt vor dem Ponykarussell.

Nach wie vor haben wir keine Transparenz bezüglich der amtstierärztlichen Kontrollen. Die meisten unserer Fragen an die Amtstierärzte wurden nicht beantwortet (Anfrage und Antwort des Veterinäramts Gütersloh). Bereits im Frühjahr 2016 hatte Schaustellerchef August Schneider allen Demoteilnehmern durch die Polizei im Voraus ein Hausverbot mitteilen lassen. Zur Michaeliskirmes beobachteten einige Mitglieder die Situation im Ponykarussell von außen dann viele Stunden lang. Die Zustände bei der Dressur, während angeblicher Pausen, im Anhänger, die Unterbringung in der Nacht usw. blieben natürlich vollständig verborgen. Später erhielten wir auch dieses Mal wieder Platzverbot.

Augenzeugenbericht: Am Ponykarussell

Ständige Drohung und Gedränge

Im Ponykarussell der Michaeliskirmes wurden abends bei Andrang, z. B. Sonntag, den 25.09.16, in einem extrem engen Kreis von nur ca. acht Metern Durchmesser acht Pferde gleichzeitig stundenlang getrieben. Dass Schritt-Tempo der Ponys war wesentlich höher als beim Reiten üblich. Ein älterer Mann in der Mitte fuchtelte pausenlos mit der Peitsche herum und ließ sie scharf knallen – eine ständige Drohung. Von kreischenden schwitzenden Menschenmassen bedrängt, bewegten sich die acht Pferde unter ungelenken Reitern ohne erkennbar fachkundiges Personal. Die hinteren schritten oft rechts neben die vor ihnen gehenden Pferde, offenbar um zu versuchen, ganz kurz einmal ihren langen  Körper gerade zu halten oder eine winzige Ausgleichbewegung nach rechts auszuführen. Da die kleine Kreisbahn extrem links gebogen, rechterhand die Rundbande war und die Tiere dazu auch noch ausgebunden waren, musste der Versuch scheitern.

Die Bravsten trifft es am härtesten

Mehrere Tiere liefen mit offenem Maul. Ein kleines weißes Pony sperrte sein Maul zunehmend auf, je länger es lief, und es blähte die Nüstern. Möglicherweise war es alt oder chronisch krank? Der kleine Schimmel mit den rosa Flecken am Maul lief schon lange, sehr brav, wurde besonders für sehr kleine Kinder benutzt, die sich unkontrolliert auf seinem Rücken bewegten, keine Sitzposition halten konnten und kein Gleichgewichtsgefühl hatten. Er schien sich besonders leicht zu fügen. Die Ursache für das offenstehende Maul – vielleicht Zahnschmerzen, andere Probleme in der Maulhöhle, Atemnot oder etwas anderes – konnte ohne gründliche Untersuchung und auf Entfernung nicht diagnostiziert werden. In der Presse ließ Reitbahnbetreiber Kaiser 2010 verlauten, er würde ein 38 Jahre altes Pony schlachten lassen, sollte durchgesetzt werden, dass die Pferde nicht mehr nur linksherum kreisen müssen, sondern auch rechtsherum. Das zeigt, dass selbst sehr alte Tiere nicht verschont werden, solange sie noch Linkskreise drehen können.

Jeder Reitanfänger weiß es besser

Der geringe Durchmesser der Bahn hatte zur Folge, dass die Tiere, die ja eine gewisse Körperlänge haben, nahezu durchgehend in eine Linksbiegung gezwungen waren. Enge Biegungen werden in der Reitlehre niemals auch nur minutenlang geritten. Kirmesponys werden viele Stunden lang dazu gezwungen. In der Reitlehre folgen nach Biegung Geraderichtung und Biegungen auch in die entgegengesetzte Richtung. Pferde gehen nicht ohne Zwang stundenlang im Achtmeterkreis. Die Gehrichtung der Tiere links herum änderte sich in 15 Stunden unserer Beobachtung nicht ein einziges Mal.

Mensch-Pferd-Beziehung

Obwohl ein großer Schimmel entweder direkt am Kopf festgehalten wurde oder eine Person dicht neben ihm ging, eine Hand immer in der Vorderbein-/ Brustregion des Tieres, haben wir nicht ein einziges Mal eine Kontaktaufnahme zwischen Pferd und Führperson beobachtet. Auch die anderen Tiere zeigten kein Interesse oder Bindung zum Personal. Während insgesamt 15 Stunden Anwesenheit konnten wir keine einzige vertraute oder vertrauensvolle Zuwendung eines Pferdes gegenüber Menschen ausmachen. Die Tiere bewegten sich mechanisch wie angetriebene Marionetten. Auch die Pferde untereinander zeigten keine sozialen Interaktionen außer Droh- und Abwehrbewegungen. Der Kopf-an-Hinterteil-Kontakt war ihnen durch die extreme Enge im Rondell aufgezwungenen.

Kreisen ohne Pause

Offiziell müssen die Tiere, wenn sie 4 Stunden am Stück linksherum gegangen sind, „Pause“ bekommen. Dadurch, dass oft Pferde aus dem Ponykarussell heraus und hinter eine Wand geführt und gleich wieder Tiere hineingeführt wurden, die sich teilweise ähnelten, konnte man von außen unmöglich nachvollziehen, ob die Pferde Pausen bekommen, oder nur hin- und hergeführt wurden. Zweifel an echten Pausen haben wir, weil die Tiere gegen Abend extrem gestresst wirkten.

Pferde suchen für den Harnabsatz einen ruhigen, ungestörten Ort mit weichem Untergrund auf, wo der Urin nicht spritzt. Besonders männliche Tiere benötigen dafür einige Zeit. Auch folgende Beobachtung lässt uns erholsame Pause anzweifeln: Ein großer Schimmel hatte etwa 15 Minuten, nachdem er eingewechselt wurde, offenbar dringenden Harndrang. Er urinierte lange mitten in der Manege, trotz Hektik, Lärm und Belästigungen um ihn herum.

Ob, wann, wie oft und wie viel die Ponys trinken durften, wissen wir nicht. Da es den Manegebetrieb erheblich stört und aufhält, wenn Pferde in der Manege urinieren, liegt es nahe, dass die Pferde vor und während der Stunden des Manegebetriebs wenig zu trinken bekommen. Das Veterinäramt kontrolliert nur, ob die Tiere getränkt werden könnten. Wenn es eine Wasserleitung und Eimer gibt, dann bedeutet das aber nicht, dass jemand den Pferden auch tatsächlich immer Wasser gibt, wenn sie durstig sind.

Ausgelieferte Tiere

Ebenfalls am 25.09. abends wurden Eltern, die ganz offensichtlich keine Erfahrung mit Pferden hatten, von den Betreibern dazu aufgefordert, die Tiere zu führen, ohne auch nur irgendwie eingewiesen zu werden. Einige zeigten Angst vor Pferden, wirkten überfordert, zumal manche auch noch gleichzeitig fotografierten. Trauben von Menschen kesselten die Ponys ein. Sie wurden immer wieder von außerhalb der Manege angefasst, geklatscht, an der Mähne gezogen. Kinder schlugen ihre Fersen in Rippen und Bauch der Tiere, wie man es aus Westernfilmen kennt. Das Personal schritt nicht ein. Die Pferde wurden mit den Zügeln im empfindlichen Maul gerissen. Obwohl sie schon viele Stunden gelaufen waren, wurden die Tiere, immer von der Peitsche getrieben, hektischer, je länger sie im Einsatz waren. Weil kein Führstrick benutzt wurde oder die Tiere ausgebunden waren, ruckte und zerrte das Personal an Kopf und Hals der Tiere. Kleinen Ponys wurde der Kopf beim Führen nach links oben gezerrt, sonst hätte sich das Personal bücken müssen. 

Gefahr für Menschen

Offenbar wird bei Ponykarussells nicht nur der Schutz der Tiere locker gesehen, sondern auch Ordnung und Sicherheit für Menschen: Im Eiltempo wurden die Kinder am Abend rauf und runter gehoben. Viele konnten nur mit Mühe auf den Pferden gehalten werden, hatten kein Einfühlungsvermögen für Pferd oder Gleichgewicht. Ebenfalls am 25.09. gegen 18.00 Uhr fiel ein ca. 6-jähriges Mädchen vom Pferd, während seine Mutter die Situation „beaufsichtigte“.  

Die Ponys gingen zu der Zeit ohne Individualdistanz Kopf an oder neben Kruppe und wirkten extrem gestresst. Ein kleines weißes Pony auf Position 4 überholte das Pony auf Position 3. Als es seitlich von innen auch noch an Pferd 2 (größerer Schimmel) vorbei wollte, schlug dieses aus und traf das kleine Pony. Ein Mitarbeiter brachte das getroffene Pony wieder auf seine Position, ohne zu kontrollieren, ob es eine Verletzung erlitten hatte.

Pferde sind Fluchttiere, die Menschen schwer verletzen und töten können, wenn man sie artwidrig behandelt. Kinder können das nicht wissen. Schon oft wurden Menschen aus Mangel an Wissen oder Einfühlungsvermögen durch Pferde schwer verletzt oder getötet. Die Tiere hätten in der chaotischen Situation während des Hochbetriebs im engen Karussell jederzeit aufgrund natürlicher Reaktion ein Kind, dessen Vater oder Mutter mit einem Tritt lebensgefährlich verletzen können.

Fazit: Seit vielen Jahren beobachten wir die Tiere im Ponykarussell, aber wir waren noch nie mehrere Stunden hintereinander dort. Die durchgehende Beobachtung der Tiere hat ein auch für uns neues Ausmaß an Tierleid offenbart. Zum ersten Mal fiel uns so deutlich auf, dass die Ponykarussellbetreiber offenbar keine nennenswerten Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz von Kindern und Erwachsenen treffen mussten. Was wir beobachtet haben, offenbarte letztlich Leichtfertigkeit, Gedankenlosigkeit und den Mangel an Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen Tieren gegenüber. Das hatten wir in dieser Härte nicht erwartet. 

Teilbesichtigung der Nebenbereiche

In den Medien wurde von Seiten der Betreiber immer wieder darauf hingewiesen, dass jeder, der will, sich die Ponys auf der Kirmes ansehen kann. Mitglieder von Achtung für Tiere wollten diese Möglichkeit wahrnehmen, Schaustellerchef Schneider dies zulassen. Es bedurfte dann aber erst einer langen Diskussion zwischen Schaustellerchef Schneider und Ponykarussellbetreiber Kaiser, bevor letzterer zustimmte. Am 30.09.16 durften zwei unserer Mitglieder – unter ständiger Begleitung von Herrn Kaiser und Herrn Schneider tatsächlich kurz einen Teil des Stallbereiches hinter dem Ponykarussell ansehen. Das Fotografieren wurde uns dabei verboten.

Nachdem wir einen engen Weg umständlich zwischen Wohnwagen hindurch geleitet worden waren, sahen wir rechts einen Transporter mit über Kopf angebrachten Raufen. Er war in den Tageszeitungen zu sehen gewesen. Auf Nachfrage hieß es, er diene ausschließlich dem Transport der Tiere. Wir durften ihn uns nicht ansehen. Ob sich auf dem Transportwagen Pferde befanden, wissen wir nicht. Jedenfalls sind Pferde keine Giraffen: sie essen mit gesenktem Kopf und Hals. Ihnen Heu aus in der Höhe angebrachten Raufen anzubieten, zeugt von Unwissen über Anatomie, Physiologie und Verhalten von Equiden.

Wir gingen nach links und an einem kleinen eingezäunten Areal mit Sägespänen vorbei, geschätzt 5x7 Meter, auf dem zwei kleine Ponys standen. An einer Seite schien sich ein kleiner Unterstand zu befinden. Eine Weide, wie Schaustellerchef Schneider uns gegenüber angegeben hatte, war nicht vorhanden. Wir durften den Stallanhänger ca. 2 Minuten von innen ansehen. Es ging links neben dem eingezäunten Areal über eine Rampe hoch auf den Anhänger. Dieser enthielt 6 Boxen, geschätzt jeweils 3x3 Meter. Die Boxen waren bis oben vergittert, sodass die Pferde ihren Kopf vorne nicht herausstrecken konnten, sondern wirklich komplett eingesperrt waren. Auf dem Boden schien sich ein dünn überstreuter Gummiboden zu befinden. Trinkwasser haben wir in den Boxen nicht gesehen. Auf Nachfrage wurde angegeben, dass mit Eimern getränkt würde.

In den Boxen konnte ein größeres Tier ca. einen Schritt vor und einen zurück machen, ein kleines vielleicht je zwei Schritte. In der zweiten Box links waren zwei Ponys eingesperrt, ein kleines weißes und ein größerer Schecke. Vier weitere Boxen waren mit je einem Pferd belegt, die erste Box links war leer. Keines der Pferde nahm Notiz von uns, keines reagierte auf Ansprache oder Schnalzlaute.

Pferde können nur lang ausgestreckt in Seitenlange schlafen und sie benötigen erhebliche Individualdistanz, die je nach Wesensart und Ranghöhe sehr verschieden sein kann. Auch sich mehrmals täglich zu wälzen gehört zum Normalverhalten von Pferden. Solange die Pferde auf der Kirmes leben, können sie ihr Bedürfnis sich zu wälzen nicht ausleben: Asphalt und Schotter sind viel zu hart, die Boxen sind zu klein und die dünne, verschiebliche Spänestreu lässt kein Wälzen zu.

Im Karussell drehten sich zu der Zeit drei Pferde. Zwei standen draußen, auf dem Stallanhänger waren 6 eingesperrt. Herr Kaiser sagte auf Nachfrage zunächst er habe 11 Tiere dabei, später gab er 13 Tiere an. Selbst wenn im Transporter keine Tiere waren und es „nur“ 11 Tiere für diesen extrem kleinen Lebensraum gewesen sein mögen, so stellt sich die Frage, wie 11 Tiere in nur 6 Boxen ausruhen, sich erholen, wie sie schlafen, die Nacht verbringen und bei Unwetter untergebracht werden sollen. Diese Frage hat das Veterinäramt uns ebenfalls nicht beantwortet.

Fazit: Fragen wurden widerwillig und widersprüchlich beantwortet. Obwohl öffentlich dazu aufgerufen wurde, bedurfte es einer langwierigen Diskussion, auch nur zwei Personen Einblick in die Stallbereiche zu gewähren. Die Ponys zeigten sich erschütternd teilnahmslos. Bereits die wenigen Anlagenteile, die wir sehen durften, demonstrierten wenig Wissen über und wenig Empathie für Pferde und bestätigen unsere Kritik an Ponykarussells in jeder Hinsicht.

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