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Tierversuche am Herzzentrum Bad Oeynhausen

tl_files/_aft/bilder/themen/Tierschutzaktionen/TVHerzzentrum_AktionenAugust2009/Podiumsdiskussion260809Kirche.jpgAm 26.08.09 hatten sich Dr. Wolf-Dieter Hirsch, Chirurg und stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“, und Prof. Dr. Jan Gummert, Tierexperimentator und neuer Chefarzt am Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen, in der Altstädter Nikolaikirche für eine Podiumsdiskussion zum Thema „Tierversuche - Erlaubt? Nützlich?“ eingefunden. Die Reflexion über Leben und Gedanken des Theologen, Philosophen und Arztes Albert Schweitzer hatte Pastor Piepenbrink-Rademacher und einige Mitglieder der Gemeinde dazu veranlasst, sich vermehrt mit den Themen „Tierschutz“ und „Tierversuche“ zu beschäftigen.
 
Anlass für die Podiumsdiskussion war der Plan, in Oeynhausen Operationsübungen an Schweinen einzuführen - vgl. Pressemitteilung von Achtung für Tiere ►
 
Tierexperimentator Gummert begann mit einem Zitat Schweitzers, von dem er meinte, dass es seiner Sache dient. Schweitzer habe geäußert, man müsse dem Tier danken für die Opfer, die es für die Wissenschaft bringe. Tatsächlich wurde im Laufe des Abends klar gestellt, dass Schweitzer zwar zunächst Tierversuche in sehr engen Grenzen befürwortete, später jedoch aus ethischen Gründen vollständig ablehnte. Schweitzers anfängliche Unsicherheit ließ sich im Laufe der Veranstaltung ebenso gut nachvollziehen, wie die Tatsache, dass er sich schließlich entschieden gegen Tierversuche aussprach: Die Befürworter von Tierversuchen haben durchaus eine Reihe von Argumenten – nur sind es keine guten Argumente, denn entweder beruhen sie auf falschen Prämissen, falschen Schlüssen oder stellen platte Drohungen dar.
 
Eine mehrfach wiederholte Aussage war, das deutsche Tierschutzgesetz und die Genehmigungsverfahren hierzulande seien besser als im Ausland. Man solle Tierexperimentatoren in Deutschland keine Steine in den Weg legen, da man sie so ins Ausland dränge, was letztlich den Tieren schaden würde. Tierversuchsgegner werden durch diesen argumentativen Kniff als für Tierleid verantwortlich verunglimpft. Wenn wir uns von Tierexperimentatoren erpressen lassen, haben die Tiere verloren. Traurig genug, dass ein Tierschutzgesetz, welches unerträgliche Leiden bereits für einen nur erhofften „Erkenntnisgewinn“ oder aber die Zulassung einer Chemikalie erlaubt, als eines der besten in Europa bezeichnet wird. Dagegen sollten wir etwas unternehmen!
 
Im deutschen Genehmigungsverfahren für Tierversuche nehmen Tierexperimentatoren an den entscheidenden Stellen Einfluss. Nicht verwunderlich, dass kaum Versuche abgelehnt werden. Eine Tierversuchskommission, die mehrheitlich mit tierexperimentierenden Interessengruppen besetzt ist, und die Tatsache, dass Tierversuche jeglicher wirksamen Kontrolle entbehren, machen alles möglich. Der Tierexperimentator ist mit seinen Opfern allein. Die Kontrollen des Veterinäramtes beziehen sich lediglich auf die Haltung der Tiere und dürfen sogar vorher angemeldet werden. Tatsächlich bietet eines der besten Tierschutzgesetze in Europa so gut wie keinen Schutz für Tiere.
 
Tierversuchsgegner Hirsch stellte in seinem Referat sachlich die bedenkliche Entwicklung der Tierversuchszahlen in den letzten Jahren vor und verwies auf diverse Arzneimittelkatastrophen in Folge von Tierversuchen. Er erläuterte seine Auffassung, dass ein Arzt umfassende Verantwortung gegenüber dem Leben habe. Gummert behauptete in seiner Präsentation, zahlreiche medizinische Errungenschaften seien nur mit Tierversuchen möglich gewesen. Jedoch wurde bald klar, dass jegliche wissenschaftlichen Beweise fehlen, die einen ursächlichen Zusammenhang oder gar eine Notwendigkeit zwischen Tierversuchen und medizinischen Fortschritten belegen könnten.
 
Wissenschaftliche Belege für das Gegenteil hatte jedoch Hirsch zur Hand, z.B. eine Metaanalyse, die eine Übertragbarkeit von Tierversuchsergebnissen auf den Menschen von lediglich 0,3% aufzeigt, woraus wiederum keine einzige neue Therapie hervorgegangen war. In diesem Zusammenhang wies eine Zuschauerin darauf hin, dass zusätzlich berücksichtigt werden müsse, dass viele Tierversuche gar nicht erst veröffentlicht werden, da die Veröffentlichung im Ermessen der Wissenschaftler liegt und die naturgemäß wenig Interesse an der Bekanntmachung misslungener Versuche oder irreführender Ergebnisse haben.
 
Forschungsfreiheit macht alles möglich - auch dass größte, vom Steuerzahler finanzierte Leiden geheim zu halten.
 
Auf die Frage, was einen Tierversuch ethisch vertretbar mache – was es sei, das den Menschen derart über alle anderen Tierarten hebe, antwortete Gummert zunächst gar nicht. Die Frage schien für ihn gänzlich ungewohnt zu sein. Erst auf Nachfrage kam zögernd „das Reflexionsvermögen des Menschen“. Inwiefern Reflexionsvermögen dafür relevant ist, dass wir jemanden quälen dürfen, konnte er nicht erklären. Gummert vertrat auch die Auffassung, Ethik sei etwas, das im Ermessen jedes Einzelnen liege. Er konnte es „akzeptieren“, dass Hirsch gegen Tierversuche sei. Die Frage, ob er Ethik beispielsweise auch bei Folter dem Ermessen des Individuums überlassen will, wurde nicht geklärt. Gummert vermied es denn auch, auf den Hinweis aus dem Publikum, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der Ethik im Ermessen jedes Einzelnen liegt, einzugehen.
 
Ein Ergebnis des Abends war die einvernehmliche Feststellung, dass Tierversuche oft überflüssig sind. Sie sind häufig extrem grausam und haben oftmals gefährliche Folgen auch für Menschen. Wenn Gummert auch manch anderen Tierversuch für überflüssig hält, so möchte er doch von seinen eigenen Versuchen kein Stück abrücken.
 
Albert Schweitzer: „Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.“
Infostand bei der Podiumsdiskussion über Tierversuche am 26. August 2009

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