Sternchen

Von diesem sehr, sehr traurigen Ponyschicksal berichten wir, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist, dass Menschen sich einmischen, wenn es um hilflose Tiere geht – schnell, energisch, hartnäckig.
Und es verdeutlicht, dass die bestehenden Gesetze Tiere nicht einmal vor schlimmsten Leiden schützen.

Tierschutzfall PonyHilferuf

Ab dem 23. Januar 2017 erhielten wir mehrere Nachrichten ein Pony betreffend. Hier einige Auszüge: „es geht um ein Pony in bemitleidenswertem Zustand. Es ist 17 Jahre alt und leidet nach Auskunft des Besitzers wohl schon lange an Hufrehe. Man sieht das auch an den beschädigten Hufen, die wie Schuhe nach vorne raus stehen… Es konnte jedes Mal kaum laufen. …nach Auskunft des Besitzers steht es seit 2 Jahren alleine auf der Wiese. Davor habe es 15 Jahre dort zusammen mit dem Muttertier gestanden… Es ist sehr allein und steht angewurzelt auf einer Stelle, streckt die Beine steif nach vorn oder bewegt sich langsam trippelnd vorwärts oder es liegt auf dem gefrorenen Boden und atmet schwer. … Es soll so schon seit 10 Jahren leben…“

Entsetzliche Schmerzen

Während das Pony, inzwischen wissen wir, dass es Sternchen hieß, still und einsam weiter litt, meldeten wir die Situation am 23. Januar dem Veterinäramt, boten an, Sternchen notfallmäßig aufzunehmen, und setzten alle Hebel in Bewegung, um Hilfe für Sternchen zu erreichen. Wir telefonierten, mailten und fuhren etliche Male zu Sternchens Standort, um ihren Zustand zu dokumentieren.

Wenn wir sie antrafen, stand Sternchen auf einer Stelle und versuchte irgendwie, dem Schmerz in ihren Hufen zu entkommen. Unsicher versuchte sie, sekundenkurz ihr Gewicht zu verlagern, um wenigstens ganz kurz einen Fuß weniger belasten zu müssen. Natürlich lastete in dem Augenblick auf den anderen Hufen noch mehr Gewicht. In seiner allergrößten Not legt sich ein solches Tier dann trotz seiner Größe, seines hohen Gewichts und seiner knochigen Beine auf steinhart gefrorenen Boden…

Am 29.Januar und am 2. Februar gelang es uns, Videos zu machen, die zeigten, dass es Sternchen nach wie vor sehr schlecht ging, dass sie sich kaum und nur unter massiven Schmerzen bewegen konnte. Man sah, dass sie vor jedem Schritt lange zögerte und irgendwie versuchte, eine Möglichkeit der Bewegung zu finden, die den Schmerz verringerte. Die Videosequenzen auf dieser Seite entstanden am 29. Januar und 2. Februar.

Tierschutzfall PonyUnser Einschreiten hatte offenbar bewirkt, dass die nach vorne herausgewachsenen Hufe geschnitten wurden. Bei einem Hufrehepatienten am Hufschmied zu sparen, ist grausam. Ein orthopädischer Beschlag, der natürlich richtig Geld kostet, hilft vielen Tieren hingegen sehr! Hufrehe ist qualvoll für die betroffenen Tiere. Es muss so ähnlich sein, als würden wir, hunderte Kilo schwer, auf Händen und Füßen mit schwersten Nagelbettentzündungen stehen und gehen müssen. Sofort hätten wir Sternchen geholt, ihr ein weiches Lager neben den Eseln eingerichtet. Mithilfe unserer Pferdetierärztin, konsequenter Therapie, vorsichtiger Fütterung und ihren Bedürfnissen angepassten Lebensbedingungen haben wir schon einige Hufrehepatienten wieder hinbekommen: Lotta, Mira und Balu.

Am 31. Januar, Sternchen litt immer noch stumm auf ihrer Weide, schalteten wir die Pferdeexperten und Juristen des Deutschen Tierschutzbundes (DTB) ein. Wir schickten Videos und eine seitenlange Chronologie und Situationsbeschreibung. Dort war man entsetzt. Am 2. Februar vormittags ging ein Schreiben vom DTB mit der Aufzählung diverser Tierschutzverstöße per Mail an das zuständige Veterinäramt. Es wurde nun sofortiges Einschreiten verlangt. Nachdem wir Sternchen nachmittags unverändert antrafen, riefen wir am Morgen des 3. Februar wieder beim Veterinäramt an und boten noch einmal Soforthilfe an. Man wollte sich das Tier noch einmal ansehen und auf die Besitzer einwirken, es abzugeben. Am 4. Februar wurde Sternchen getötet. Am 7. Februar wurde der DTB davon unterrichtet. Nach 10 Jahren des Leidens wurde dem tapferen kleinen Pony auch noch die Chance auf ein Leben ohne Schmerzen und in Gesellschaft von Artgenossen genommen.

Tierschutzfall Pony10 Jahre einsam, leidend, ausgeliefert

Nach Aussage des Besitzers selbst befand sich Sternchen 10 Jahre lang in dem bemitleidenswerten Zustand, in dem wie sie angetroffen hatten! An Schmerzen stirbt man nicht. Seit Jahren war Sternchen dem Veterinäramt bekannt. Konsequente Rehediagnostik und -therapie kosten Geld. Möglicherweise sollte das Pony kein Geld kosten – wir wissen es nicht. Zudem litt Sternchen unter Atemnot. Angeblich war sie in tierärztlicher Behandlung. Angesichts der von uns beobachteten Haltungsbedingungen, gravierender Versäumnisse bei der Hufpflege und so, wie sie sich uns während ihrer letzten 13 Lebenstage zeigte, erscheint das mehreren Tierärzten wenig überzeugend.

Tiere brauchen Rechte

Das derzeitige Tierschutzgesetz kann Tierleid, auch lange dauerndes, nicht verhindern. Wir müssen mit aller Kraft daran arbeiten, dass Tiere endlich als Persönlichkeiten anerkannt werden und eigene Grundrechte bekommen.
Die bestehenden Vorschriften sind bis heute nicht an den seit 2002 bestehenden Grundrechtsrang des Tierschutzes angeglichen worden. Es ist z. B. völlig inakzeptabel, dass Tieren eine artgemäße Lebensweise vorenthalten werden darf, nur, weil nicht individuell nachweisbar ist, dass sie leiden. Das Problem dieses Nachweises besteht ja oft einzig und allein darin, dass wir Menschen, seien es Besucher von Ponykarussells, Amtsveterinäre oder Richter, ihre Sprachen nicht verstehen. Dadurch ist Quälerei von Pferden auf der Kirmes, in Privathand oder von Tieren im Labor über weite Strecken gesetzlich abgesegnet.

Da Pferde unter ähnlichen Dingen leiden wie Menschen, z. B. unter dem Zwang zu monotoner Bewegung, Gefangenschaft, Getrenntsein von Artgenossen und Familie, Schmerz und Misshandlung, ist völlig einsichtig, dass Pferde auf der Kirmes leiden und dass Sternchen viele Jahre lang unvorstellbar gelitten hat, aber es ist schwer zu beweisen, da Pferde auf der Kirmes nicht laut und verständlich anklagen können und auch Sternchen sich in ihrer Not nicht bemerkbar machen konnte.

Tierschutzfall PonyHoffnung für das Hier und Jetzt

Wenn wir an Sternchen und die vielen anderen Tiere denken, die, vollkommen ausgeliefert, in Menschenhand leiden, wünschen wir uns, dass es für sie einen Himmel gibt. Wir wünschen uns für Sternchen ein Jenseits mit allem, wofür Pferde eigentlich auf der Erde sind, was Sternchen aber nicht erleben durfte: zusammen mit ihrer Mama und vielen fröhlichen Pferdefreunden endlich ohne Schmerzen über eine endlose Wiese toben zu können, solange sie will.

Das bleibt ein Wunsch. Aber Menschen können dafür sorgen, dass das Leben für hilflose Tiere keine Hölle auf Erden mehr ist. Wir können helfen. Wir können Leiden beenden. Manchmal können wir Leben retten und zum Besseren wenden. Lassen Sie uns niemals den Mut dazu verlieren.

Ruhe in Frieden, Sternchen.



Tipp: Was tun im Tiernotfall?

Wenn Sie ein Tier in Not entdecken, bitte, sehen Sie nicht weg, denken Sie nicht, dass sich schon jemand anderes kümmern wird. Bitte, schreiten Sie ein! Zwar ist vieles erlaubt, was Tieren schadet, aber wenigstens die bestehenden Schutzvorschriften, die Tierleid verhindern können, kann jeder Bürger durchzusetzen helfen.

Nicht immer erreicht man das bestmögliche Ergebnis für Tiere. Unser Einschreiten hat letztlich bewirkt, dass Sternchen getötet wurde. Wir wissen von keiner diagnostischen Grundlage, die diese Entscheidung gerechtfertigt hätte. Vielleicht hätte das kleine Pony mit einer konsequenten Therapie, einem orthopädischen Beschlag und seiner Krankheit angemessenen Lebensbedingungen noch viele Jahre in Gesellschaft leben können. Zeigt es nicht ihren Lebensmut, dass sie trotz größter Schmerzen noch mühsam auf uns zu gehumpelt kam, wenn wir an ihrer Weide standen?

Nach 10 Jahren ist nun (wenigstens) Sternchens Leiden beendet. Das ist besser als tagtägliche, unerträgliche Schmerzen. Für viele leidende Tiere kann man nichts schlimmer machen! Sie haben nichts zu verlieren. Für Sternchen ging ein Leben voller Schmerz zu Ende.

Da die Gesetze, die Tiere angeblich schützen, mangelhaft und in erster Linie für die Rechtssicherheit ihrer Halter gemacht sind, kann es sein, dass unser Einschreiten nicht das beste denkbare Ergebnis für die Tiere bewirkt. Aber: Nur wenn Menschen konsequent versuchen, das Bestmögliche für leidende, ausgelieferte Tiere zu erreichen, kann ihnen überhaupt geholfen werden.

Wenn Sie einen Tiernotfall erkennen:

1) Machen Sie sich ein möglichst klares Bild von der Situation, machen Sie sich Notizen, halten Sie Daten, Uhrzeiten, Maße, ggf. Temperatur und möglichst viele Details über die Umgebung des Tieres fest. Beschreiben Sie so genau wie möglich den Zustand des Tieres. Und machen Sie bitte Fotos und Videos.

2) Informieren Sie das Veterinäramt und fragen Sie nach, ob man dort tätig geworden ist. Veterinäramt und Polizei sind die einzigen, die hoheitliche Befugnisse haben, Einlass und Auskunft fordern und einschreiten dürfen. Tierschutzvereine haben nicht mehr Befugnisse als jeder Privatmensch.

3) Ganz wichtig: Überzeugen Sie sich selbst davon, ob sich die Situation des Tieres verbessert und wenn ja, wie. Wiederum: Seien Sie detailgenau: Wann haben Sie wo welche Veränderung oder welchen gleichbleibenden Zustand beobachtet?

4) In dringenden Fällen und außerhalb der Geschäftszeiten des Amtes können Sie sich direkt an die Polizei wenden. Diese muss einen Amtsveterinär auch nachts und am Wochenende erreichen und sofort zu dem betroffenen Tier schicken können. Bei akuter Lebensgefahr kann ein entschuldigender Notfall vorliegen, bei dem man selbst sofort helfen darf.

5) Lassen Sie sich nicht entmutigen und nicht zum Querulanten abstempeln – Sie haben das Recht auf Ihrer Seite und zeigen Zivilcourage. Paragraf 1 des deutschen Tierschutzgesetzes besagt: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Wer dagegen verstößt, wird nach Paragraf 17 mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Stellen Sie ggf. eine Strafanzeige bei der Polizei.

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