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Tierschutz in der Schule

Aus vielen Gesprächen in Schulen, bei unseren Ferienspielen, aber auch aus e-Mails wissen wir, dass Kinder und Jugendliche sich Tieren oft tief verbunden fühlen. Sie leiden sehr unter den Formen gesetzlich erlaubten Tierleides, wie z.B. in der industriellen Tierzucht, -haltung oder -tötung, bei Tierversuchen, der Jagd und vielen anderen. Und sie erleben immer wieder, dass Privatleute aus Unkenntnis, Gleichgültigkeit oder sogar vorsätzlich Tieren Leiden zufügen, z.B. bei der Heimtierhaltung oder im Sport mit Pferden. tl_files/_aft/bilder/tiere/Menschen und Tiere/Maedchen-Hunde-Caesar-2006.JPGSie möchten etwas Hilfreiches für die Tiere tun, fühlen sich jedoch häufig völlig ohnmächtig. Immer wieder sagen Kinder uns „Es interessiert doch sowieso niemanden, wenn wir was sagen.“  

 

Junge Menschen, die sich für Tiere engagieren wollen, verkörpern soziale Kompetenzen, die unsere Gesellschaft als wertvoll und notwendig erachtet, in Reinform: ehrenamtliches Engagement für Benachteiligte, Mitgefühl, Akzeptanz von Andersartigkeit, Eintreten für Gewaltlosigkeit, Zivilcourage anlässlich von Grausamkeiten und vieles mehr. Wer mit offenen Augen und kritisch durch die Welt geht, bemerkt zwangsläufig, dass uns Menschen von früh bis spät Tierleid anhaftet. Wenn Kinder und Jugendliche Unrecht gegen Tiere thematisieren, müssen sie in bisweilen erschreckender Weise erleben, dass sie ignoriert, verspottet oder sogar verurteilt und benachteiligt werden. Sie stellen nämlich zum Teil althergebrachte Interessen und finanzkräftige Interessengruppen in Frage. Da dies eine schwierige Situation sein kann, brauchen sie die Unterstützung von Erwachsenen. Sie müssen vor Diskriminierung infolge ihrer Meinungsäußerung und ihres Eintretens gegen Gewalt, die noch immer gesetzlich erlaubt ist, geschützt werden.

 

Unser Wissen über Tiere, ihre Bedürfnisse, Sensibilität und Leidensfähigkeit, die sie mit uns Menschen teilen und die aus der Verwandtschaft mit uns resultieren, hat in den letzten Jahren explosionsartig zugenommen. Das gleiche gilt für Erkenntnisse zu tierlichem  Einsichtsvermögen. Dürfen wir es undiskutiert lassen, wenn Schweine oder Hunde, die unter Gewalt vergleichbar leiden, wie Menschen, gequält und getötet werden? Schweine verfügen über die Einsichtsfähigkeit eines zwei- bis dreijährigen Menschenkindes. Ratten, Delfine und andere Wirbeltiere sind wahrscheinlich noch wesentlich intelligenter. Doch sollten wir uns auch fragen, ob ein hoher Grad an Intelligenz, den der Mensch ja in besonderer Weise für sich in Anspruch nimmt, in einer humanen Gesellschaft eine ethisch vertretbare Rechtfertigung für das Quälen weniger Intelligenter abgibt.

 

Tierleid ist ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden, als wir viele Tatsachen über Tiere noch überhaupt nicht kannten. Modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen über Tiere sollte eine humane Gesellschaft Rechnung tragen. Dazu gehört auch, wachsame, sensible Jugendliche mit ihren Schuldgefühlen und dem Wunsch zu helfen nicht allein zu lassen. Nur so lässt sich verhindern, dass Jugendliche sich ignoriert fühlen und aus Frustration darüber  Menschenfeindlichkeit und gewaltsame Aktivitäten entstehen. Es ist ja auch schwer einzusehen, dass Gewalt im einen Augenblick etwas Verwerfliches, ein Verbrechen ist, und schon im nächsten eine erlaubte oder sogar nobelpreiswürdige Handlung – je nachdem, wer ihr Opfer ist.

 

Schulbücher liefern Schülerinnen und Schülern bislang kaum Möglichkeiten, sich mit schwierigen, für die Persönlichkeitsentwicklung aber wichtigen kritischen Fragen zur Mensch-Tier-Beziehung auseinander zu setzen. Wir finden es notwendig, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass ihre Meinung in Sachen Tierleid Gehör findet, dass sie ein Recht auf die Äußerung einer kritischen Meinung haben, sogar dann, wenn es nicht die Mehrheitsmeinung ist. Schließlich hielt es eine Mehrheit auch lange Zeit für „normal“, Kinder körperlich zu züchtigen und Frauen zu benachteiligen.

 

Ferienspiele_2011-04Art und Ausmaß der Leiden, die wir Menschen den Tieren derzeit zufügen, unterliegen keinem Naturgesetz, sondern  wir sind vollumfänglich dafür verantwortlich. Deshalb sollten  wir uns bewusst dafür oder dagegen entscheiden. Die kritische Auseinandersetzung Jugendlicher mit Mensch und Tier ist Voraussetzung dafür, dass sie sich eine eigene Meinung bilden können, für deren Folgen sie als Erwachsene ja später auch einzustehen haben. Deshalb darf die Thematisierung unseres Umgangs mit Tieren nicht einseitig zugunsten derjenigen ausfallen, die von der Tiernutzung profitieren.

 

Achtung für Tiere will jungen Menschen Mut machen, ihnen zeigen, dass sie viel für Tiere tun können. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass sie die Möglichkeit erhalten, sich sowohl in der Schule, als auch in ihrer Freizeit für Tiere zu engagieren. Eigene Aktivitäten helfen dabei, die teilweise sehr belastende Realität tierlicher Lebensumstände auszuhalten, kritisch zu reflektieren und gewaltlose, konstruktive Veränderungen in die Wege zu leiten.  

 

Tiernutzung und Schule

 

Interessengruppen, die mit Hilfe von Tieren Geld verdienen oder ihrem Hobby nachgehen, treten regelmäßig an die heranwachsende Generation heran. Beispielhaft sei hier der „Angelunterricht“ genannt. Sollten wir uns nicht fragen, wie  sinn- und wertvoll es ist, Kinder das Töten zu lehren? Ehemals überzeugte Grün-WählerInnen waren entsetzt, als sie Renate Künast zu Demonstrationszwecken unbekümmert und mit wenig Treffsicherheit mehrfach auf einen Fisch einschlagen sahen. Dem ebenfalls anwesenden kleinen Jungen wurde Freude und Unterhaltsamkeit vermittelt, als er selbst das Töten eines Fisches üben sollte. Dieses Kind lernte gerade, dass es völlig unproblematisch ist, ohne Skrupel und Mitgefühl sachlich das Leben eines friedfertigen Tieres langsam und schmerzhaft auszulöschen.

 

„Naturschulen“ bieten vielfach Informationen im Interesse von Jägern, Landwirten und Tierzüchtern an. Wie angebracht ist der Name „Naturschule“ für Projekte, die propagieren, dass Tiere für die Interessen des Menschen benutzt werden und dabei leiden und sterben? Das natürliche Leben der Tiere wird bei der „Schweinemast“ oder der „Kälberproduktion“ nicht vermittelt. Täuscht man nichts ahnende Kinder hier nicht vielmehr geschickt darüber hinweg, dass die Anbieter ihre eigenen Interessen an das Kind und seine künftige Konsumgewohnheiten bringen wollen?

 

Es wären in all diesen Bereichen erschöpfende Fachkenntnisse nötig, um Fehl- oder tendenziöse Informationen richtig stellen zu können. Oft sind Eltern oder Lehrpersonal aber auch gar nicht dabei, wenn die Kinder und Jugendlichen unterwiesen werden. Dabei kann zum Beispiel herauskommen, dass Kindern erzählt wird, Kälbchen würden ihren Müttern weggenommen und einzeln eingesperrt, weil sie sich sonst bei der Mutter mit Krankheiten anstecken würden – anstatt wahrheitsgemäß zu sagen, dass die Trennung von Kuh und Kalb und dessen künstliche Ernährung dazu dienen, die Kuhmilch dem menschlichen Genuss zuzuführen.

 

Ähnlich sieht es mit den Projekten der Jägerschaft aus. Uns ist keine Veranstaltung der „rollenden Waldschule“ bekannt, in der über die unzähligen angeschossenen Tiere, die langsam und qualvoll an ihren Verletzungen sterben, berichtet wurde. Das gleiche gilt für die Tatsache, dass Hunderttausende Hunde und Katzen jährlich erschossen oder nur angeschossen werden.

Uns ist auch nicht bekannt, dass problematisiert wird, wie die Wilddezimierung auch auf anderem Wege möglich wäre und dass man die Tiere, die man zunächst bewusst gehegt hat, dann, ohne dass sie eine faire Chance haben sich zu retten, aus dem Hinterhalt erschießt.          

 

Tierschutzunterricht und Erziehungs- und Bildungsauftrag

 

Die Beschreibung der allgemeinen Lernziele im Strukturplan des Deutschen Bildungsrates 1970 besagt: „Einige der heute als besonders dringlich oder wichtig angesehenen allgemeinen Lernziele sind: selbstständiges und kritisches Denken, intellektuelle Beweglichkeit, …soziale Sensibilität, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstverantwortung…“

Schule will Schülerinnen und Schüler zu kritischen, verantwortungsbewussten, mitfühlenden und demokratiefähigen Persönlichkeiten werden lassen. Als solche sollen sie ihrem Gewissen folgen, auch wenn die Mehrheitsmeinung Gegebenheiten möglicherweise (noch) für akzeptabel hält, die sie selbst als Unrecht, Gewalttat oder Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes identifiziert haben.

 

tl_files/_aft/bilder/themen/Tierschutzaktionen/Circus-Voyage-2008-1.JPGtl_files/_aft/bilder/tiere/Menschen und Tiere/Maedchen-Max-2008.JPGWie geht es einem Kind, welches als Unterhaltungsereignis mit der ganzen Klasse einen Zirkus besucht, wenn es bereits vom Leid der Tiere dort weiß, vielleicht als einziges. Was, wenn ihm ein zitternder Hund, ein Elefant mit Bewegungsstereotypie, ein Pferd im Käfig oder ganz einfach auffällt, dass Tiger oder Bären in die Freiheit gehören? Wie sicher können wir sein, dass ein solches Kind ernst genommen wird und seine Einwände beim Lehrpersonal auf Interesse und Unterstützung treffen? Und müsste nicht das Lehrpersonal selbst auf die Leiden der Tiere im Zirkus hinweisen? Statt dessen bieten Schulen gerade Zirkussen mit Tieren immer wieder breite Werbemöglichkeiten. Was fühlt ein Kind, wenn seine Aufmerksamkeit und sein Mitleid, weil nicht die Massenmeinung, vielleicht Spott und Angriffe bei den anderen Kindern auslösen?

 

Was empfindet ein Schüler, der Tierversuche z.B. aus ethischer Überzeugung ablehnt, wenn er im Biologieunterricht kritiklos Tierversuche lernen muss? Und wenn er Biologie oder Medizin studieren will? Man muss sich schon sehr gut auskennen, eine Menge Widerspruchsgeist haben und allen Mut zusammen nehmen, solche Studiengänge trotzdem aufzunehmen, da die verbreitete Meinung existiert, Tierversuchsgegner seien in diesen Berufen fehl am Platze.

 

Welche Hilfe haben vegetarisch oder vegan lebende Schülerinnen und Schüler, wenn in Schulen Schlachtfeste gefeiert oder Werbeveranstaltungen der Landwirtschaftsverbände durchgeführt werden? Schülerinnen und Schüler sollten Tiere als gleichwertige Mitlebewesen betrachten dürfen, ohne dadurch in der Schule Nachteile zu erleiden. Deshalb und damit überhaupt erst einmal ein kritisches Bewusstsein geweckt wird, sollte Tierschutzunterricht als normaler Bestandteil in Schule aufgenommen werden – ebenso, wie der Umweltschutz oder Projekte gegen Gewalt zwischen Menschen. Eine ganzheitliche, nachhaltige und logische Abwendung von Gewalt scheint nur so überzeugend machbar.

 

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Tierschutzunterricht - Eine Forderung des Demokratieprinzips

 

Echte Tierschutzprojekte haben es mitunter schwer, Kinder zu erreichen, denn sie werden bisweilen  misstrauisch als „tendenziös“ beäugt. Das muss allerdings befremdlich erscheinen angesichts der Tatsache, dass Tierfreunde kein eigenes, sondern das Interesse hilfloser Tiere im Fokus haben. Tiernutzer informieren hingegen aus eigenem, ökonomischem Interesse. Sie bieten mittlerweile sogar „Tierschutzprojekte“ an, deren  Interessenlage von außen nicht erkennbar ist. Der Begriff „Tierschutz“ oder „Tierschutzorganisation“ ist nicht geschützt. Tierexperimentatoren, Jäger oder Tierzüchter (die immer noch Ferkel ohne Schmerzbetäubung kastrieren), können problemlos mit „Natur- oder Tierschutzprojekten“ in Schulen aktiv sein.

 

Dürfen wir junge Menschen am Nachdenken über wichtige Gewissensfragen vorbei manövrieren? Bei vielen Formen der Nutzung leiden die Tiere. Wir treffen auf eine Reihe von Rechtfertigungsproblemen, wenn wir Tieren Schmerzen, Leiden und Schäden aufbürden. Die Protestströmung gegen qualvolle Tiernutzung wächst stetig – in Deutschland, EU- und weltweit. Schulen und Universitäten sollten solche Veränderungen sowohl wahrnehmen, als auch objektiv und konstruktiv bearbeiten.

 

Den realen Umgang mit unseren Mitlebewesen regelmäßig, informiert und interessenneutral zu thematisieren gehört zur Aufgabe von Schule. Dabei ist es wichtig, nicht nur die Informationen der Tiernutzer zu berücksichtigen, sondern auch vom Tierleid unabhängige Tierschutzorganisationen „den Finger in die Wunde“ legen zu lassen.

 

Über die sachliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen hinaus führt Tierschutzunterricht Kinder zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Wesen, die anders sind als sie selbst. Er fördert Empathie, wirkt Gewalttendenzen entgegen und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zum sozialen Lernen. Schule, die Kinder zu freien, eigenverantwortlichen und moralischen Persönlichkeiten werden lassen will, sollte sie anleiten, Ungerechtigkeit zu erkennen und für Schwächere einzutreten. Der Tierschutzgedanke fördert Achtsamkeit, Respekt und Mitgefühl und schafft Voraussetzungen für eine lebenswerte Welt für alle.