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Ist Gewalt gegen Tiere in der medizinischen Forschung moralisch vertretbar?

von Astrid Reinke

 

Tierexperimentatoren bezeichnen Versuche an Tieren regelmäßig als nutzbringend und unverzichtbar. Beweise für diese Einschätzung gibt es nicht, denn Tierversuche werden keiner Nutzen-Kosten-Analyse unterzogen. tl_files/_aft/bilder/themen/Tierversuche/haltung04.jpgOb sie mehr nützen oder mehr schaden, ist für die folgenden Überlegungen nicht von Bedeutung, denn ich werde untersuchen, ob wir überhaupt qualvolle Experimente mit Tieren durchführen dürfen. Dazu nehme ich rein hypothetisch an, dass sie einen hohen Nutzen haben. Sollten selbst sehr nützliche Tierversuche ethisch nicht vertretbar sein, so ist eine Nutzen-Kosten-Analyse zumindest in diesem Zusammenhang überflüssig 1.

Foto: Ärzte gegen Tierversuche e.V.

Da ich im Weiteren mehrfach die Begriffe „Gewalt“, „Grausamkeit“ und „Qual“ bzw. “quälen“ verwenden werde, sind diese zunächst zu erläutern. Alle drei Begriffe werden im täglichen Sprachgebrauch je nach Zusammenhang und Intention variabel benutzt. Ich verstehe hier unter „Gewalt“ das Ausüben von Zwang gegenüber einem Lebewesen, der bei diesem Leiden verursacht. Unter „Grausamkeit“ verstehe ich brutales, barbarisches Verhalten. Damit ist bewusstes Zufügen von schweren Leiden gemeint. Dafür ist unerheblich, ob der Handelnde dieses aus irgendeinem Grund für notwendig hält. Ferner ist nicht notwenig, dass er das Leiden des Lebewesens wünscht. „Qual“ und „quälen“ bedeutet etwas sehr Ähnliches wie „Grausamkeit“. Der Quälende fügt bewusst Leiden zu, wobei es ihm nicht darauf ankommen muss, dass das Opfer leidet. Sowohl bei „Qual“ als auch bei „Grausamkeit“ reicht es aus, wenn der Handelnde das Leiden des Opfers billigend in Kauf nimmt.  

 

Zunächst werde ich anhand zweier vergleichbarer Situationen zeigen, dass wir das bewusste Zufügen von Leiden vollkommen unterschiedlich bewerten, wenn es in dem einen Fall Menschen, im anderen Tiere betrifft. Im Anschluss folgen Überlegungen, ob es dafür eine moralisch überzeugende Rechtfertigung gibt.

Schließlich werde ich Parallelen zwischen menschlicher Grausamkeit gegenüber Tieren und menschlicher Grausamkeit gegenüber speziellen Menschengruppen aufzeigen. 

 

Ein Gedankenexperiment
Menschen erleiden aus verschiedensten Gründen ein Leberversagen. Dieses  verursacht ein langsames, quälendes Siechtum mit Todesfolge. Eine Lebertransplantation kann das Leben einzelner Menschen verbessern und / oder verlängern. Menschenversuche hätten in diesem Zusammenhang unzweifelhaft einen hohen Nutzen. Bei dem folgenden Gedankenexperiment klammere ich grundsätzliche Kritik im Zusammenhang mit der Methode „Organtransplantation“ aus und nehme rein hypothetisch an, dass diese durchweg positive Auswirkungen hat:
Wissenschaftler wollen leberkranken Menschen helfen. Deshalb zerstören sie einigen gesunden Menschen künstlich die Leber. Danach transplantieren sie ihnen eine Schweineleber. Die Forscher teilen die operierten Menschen in drei Gruppen ein: Zwei Gruppen erhalten unterschiedliche Medikamente, die eine Organabstoßung verhindern sollen, die dritte Gruppe erhält zum Vergleich keine Medikamente. Nun werden die Auswirkungen der Transplantation beobachtet. Die Menschen beschreiben den Ärzten, was sie erleiden, fühlen und denken. Dies ist ein sehr nützlicher Versuch, weil die Forscher die Wirkung von Medikamenten bei Menschen, die eine Schweineleber eingepflanzt bekommen haben, direkt untersuchen können. Alle Versuchspersonen sterben nacheinander einen qualvollen Tod. Am Ende der Versuchsreihe ist man der Überzeugung, dem Durchbruch bei der Xenotransplantation 2 ein gutes Stück näher gekommen zu sein.

Dass es tatsächlich Ärzte und Wissenschaftler geben mag, die solch einen grausamen Menschenversuch wegen seines großen Nutzens gut heißen würden, beweisen z.B. grausame Menschenversuche, die während der Nazizeit durchgeführt wurden. Jeder geistig gesunde Mensch mit einem durchschnittlichen Moralempfinden würde den beschriebenen, imaginären Menschenversuch allerdings mit Überzeugung und Empörung als unmoralisch und verbrecherisch verurteilen.

 

Ein Tierversuch
Nun zu einem echten Experiment:
In Versuchslaboren werden ehemals gesunden Ratten die Lebern von ehemals gesunden Meerschweinchen eingepflanzt. Die Meerschweinchen werden direkt bei der Organentnahme getötet. Damit die zu große Meerschweinchenleber in den kleinen Rattenkörper passt, wird ein Stück Leber abgeschnitten und den Ratten zusätzlich eine Niere samt Nebenniere entfernt 3. Die Tiere werden in drei Gruppen geteilt. Zwei Gruppen bekommen nach der Operation unterschiedliche Medikamente, die dritte Gruppe bleibt zum Vergleich unbehandelt. Ratten besitzen z.B. keine Gallenblase. Sie können den Forschern auch nicht beschreiben, was sie erleiden, fühlen und denken. Zahlreiche tierartspezifische Unterschiede verhindern eine direkte Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen auf die Situation beim Menschen. Ob sie vergleichbar reagieren, stellt sich erst heraus, wenn Anwendungen am Menschen – Menschenversuche also - beginnen. Die Aussagekraft des Tierversuchs ist im Vergleich zu dem imaginären Menschenversuch also erheblich reduziert. In der tierexperimentellen Wissenschaft reicht allerdings ein vermuteter Nutzen aus, um Versuche als notwendig und nützlich zu beurteilen. Eine Überprüfung, wie hoch der tatsächliche Nutzen eines Versuches ist, wird nicht durchgeführt.
Die ersten Ratten sterben nach 2,8 Stunden, die letzten nach 17,9 Stunden einen qualvollen Tod.

 

Ähnlichkeiten
Solche und qualvollere Tierversuche finden wirklich statt. Sie werden von vielen Menschen toleriert und von einigen eigenhändig durchgeführt. Eine zunehmende Anzahl von Personen hält Tierversuche jedoch für ebenso verabscheuungswürdig, wie den beschriebenen imaginären Menschenversuch. Es erscheint also angezeigt, zu untersuchen, ob das Quälen von Tieren in der medizinischen Forschung moralisch vertretbar ist, während das Quälen von Menschen zum selben Zweck moralisch verurteilt wird.

Dass Menschen und Tiere viele Ähnlichkeiten aufweisen, ist unverkennbar, wenn man nur Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung, Atmung und Kreislauf, Fortpflanzung und Versorgung des Nachwuchses vergleicht. Hunde und Schweine erreichen die Verstandesleistungen eines drei - bis vierjährigen Kindes. Etliche Tiere praktizieren Traditionsbildung. tl_files/_aft/bilder/themen/Tierversuche/haltung10.jpgViele weisen sogar Grundzüge moralischen Handelns auf 4. Die Kette der Ähnlichkeiten ließe sich fortsetzen. Tiere und Menschen hatten in grauer Vorzeit die gleichen Vorfahren. Die Tierart „Mensch“ ist eine unter vielen. Wer Gewalt gegen Tiere befürwortet, sollte deshalb erklären können, was genau der Unterschied zwischen Menschen und Tieren ist, der ihn das Quälen von Tieren, z.B. für medizinische Zwecke, als moralisch gut beurteilen lässt, während er das Quälen von Menschen zu dem selben Zweck als unmoralisch verurteilt. 

Foto: Ärzte gegen Tierversuche e.V.

Mögliche moralisch relevante Unterschiede
Wir suchen also einen moralisch relevanten Unterschied zwischen Menschen und Tieren, der Menschen  - über alle Gemeinsamkeiten hinweg - grundsätzlich von Tieren abhebt. Sehr nützlich und beruhigend wäre eine nicht vorhandene Leidensfähigkeit der Tiere. Die intensive körperliche und emotionale Leidensfähigkeit der üblichen Labortiere wird allerdings nicht mehr ernsthaft bestritten. Ihr Mangel scheidet also als Rechtfertigung für das Quälen von Tieren aus. Ich werde auf dieses Kriterium allerdings später noch einmal zurückkommen.

In philosophischen Texten werden als relevante Unterschiede häufig Sprache, Vernunft, Autonomie und Moralfähigkeit angeführt. Alle vier Kriterien haben mindestens drei gravierende Schwachpunkte gemeinsam:
Erstens unterscheiden sie nicht alle Menschen von allen Tieren. Zweitens ist die Entscheidung, ob ein Lebewesen über eine dieser Eigenschaften verfügt, von deren Begriffsdefinition abhängig. Ihr dritter und schwerwiegendster Mangel ist schließlich: Sie sind moralisch nicht relevant!

 

Zu Erstens:
Das Beherrschen einer Wortsprache, ein besonders hoher Grad an Vernunft oder Autonomie, sowie die Fähigkeit zu moralischem Handeln, können, konsequent angewendet, keine moralische Besserstellung des Menschen begründen. Johann Ach macht in seiner Dissertation deutlich, dass es sich bei diesen Eigenschaften „nicht um solche (handelt), die ein Wesen entweder hat oder nicht hat, sondern um solche, die ein Wesen in unterschiedlichem Maß oder Grad hat“ 5.  So sind z.B. Schimpansen in der Lage, eine Zeichensprache für Taubstumme zu erlernen, viele Tiere vollbringen hohe Vernunftleistungen, zeigen Ansätze von Autonomie und moralischem Verhalten. Hingegen verfügen z.B. Neugeborene, Säuglinge, Schwerstbehinderte oder komatöse Menschen nicht oder kaum über Sprache, Vernunft, Autonomie oder Moralfähigkeit.

Natürlich werden wir Angehörige dieser Menschengruppen trotzdem nicht für grausame Experimente freigeben. Damit haben sich die genannten Kriterien allerdings als ungeeignet erwiesen, Tiere moralisch schlechter zu stellen als Menschen. Sie würden, konsequent angewendet, vielmehr dazu führen, dass Angehörige bestimmter Menschengruppen moralisch so behandelt werden müssten, wie wir im Augenblick Tiere behandeln. Gleichzeitig müssten bestimmte Tiere moralisch wie Menschen behandelt werden. Mit diesem Ergebnis wäre vermutlich niemand zufrieden.

 

Zu Zweitens:
Die Bestimmung, was unter „Sprache“, „Vernunft“ usw. zu verstehen ist, wird von uns Menschen vorgenommen. Wir haben aber, unabhängig davon, ob es gerechtfertigt ist, ein natürliches Interesse daran, unsere moralische Vorrangstellung auch künftig zu sichern. Wir müssen uns selbst also zwangsläufig als befangen betrachten und von uns aufgestellte Kriterien zur Schlechterstellung von Tieren einer besonders kritischen Untersuchung unterziehen. Dass die Gefahr einer Begriffsfestsetzung in unserem eigenen Interesse groß ist, zeigt z.B. die übliche Auffassung, dass wir die menschliche Wortsprache als besonders wertvoll erachten. Hingegen könnte man es genauso gut als phänomenale Sprachleistung auffassen, dass Tiere sich nonverbal verständigen können und als Mangel unsererseits, dass wir die meisten ihrer Signale nicht einmal wahrnehmen, geschweige denn verstehen können. Auch unsere Art von Intelligenz wird gern als die allein relevante bezeichnet. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass unsere Kulturerrungenschaften und wissenschaftlichen Erkenntnisse lediglich in unserer derzeitigen Lebenswelt von Vorteil sind. Für den Tintenfisch im Wasser und den Tiger im Regenwald sind sie vollkommen wertlos. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „ökologischer Intelligenz“ 6. Ob ein Tier bei einem Intelligenztest eine hohe Leistung erbringt, muss unter Berücksichtung der Testsituation für sein alltägliches Leben beurteilt werden. Tiere dadurch moralisch herabzuqualifizieren, dass wir bestimmte Fähigkeiten von vornherein in unserem Interesse definieren, ist unfair.

Schließlich - wenn wir das Besondere der menschlichen Vernunft betonen wollen, so müssen wir fairer Weise auch die verheerenden Auswirkungen dieser Eigenschaft für Menschen, andere Wesen sowie die Erde insgesamt ins Kalkül ziehen. Man wird sagen müssen, dass kein anderes Wesen sich selbst und der restlichen belebten und unbelebten Welt einen vergleichbaren Schaden zufügt, wie der Mensch. Da wir Menschen dieses bewusst mit Hilfe unserer Vernunft tun, scheinen Zweifel an deren überragender Qualität angezeigt. 

 

Zu Drittens:
Eine Eigenschaft, die eine unterschiedliche Beurteilung von Gewalt gegenüber Mensch oder Tier rechtfertigen soll, muss moralisch bedeutsam sein. Selbst wenn Sprache, Vernunft, Autonomie oder Moralfähigkeit bei allen Menschen, aber keinem Tier vorhanden wären, bliebe  nachzuweisen, dass diese Eigenschaften irgendeine Bedeutung für die moralische Beurteilung von Gewalt gegen Lebewesen haben. tl_files/_aft/bilder/tiere/Hund und Katze/Mieser-Harry-auf-Hollywoodschaukel-2003-01.JPGGewalt hat eine Auswirkung auf Leib, Leben und Empfindungen. Gewalt verursacht bei Lebewesen Leiden. Ob diese Lebewesen grün oder rot sind, ist dabei ebenso irrelevant, wie die Tatsache, ob sie sprechen können oder wie kompliziert sie denken können. Die ausschlaggebende Frage muss deshalb lauten: „Leiden sie?“ oder „Wie stark leiden sie?“ Diese Erkenntnis wurde bereits im vorletzten Jahrhundert von Jeremy Bentham formuliert. Damit sind wir wieder bei den Anfangsüberlegungen bezüglich des moralisch relevanten Unterschiedes  angekommen: Dass die üblichen „Labortiere“ vergleichbar leiden wie Menschen, wird nicht mehr ernsthaft bestritten. Ich gebe sogar zu bedenken, dass sie vermutlich mehr leiden, als Menschen in einer vergleichbaren Situation. Denn Menschen haben die Fähigkeit sich abzulenken, Hoffnung zu haben, den Dingen einen Sinn zu verleihen oder Kraft aus dem Glauben an eine höhere Macht zu schöpfen. Dies alles können Tiere nicht. Sie durchleben Leiden sozusagen pur.

Bereits seit Darwin wissen wir, dass Menschen und Tiere sich nicht fundamental unterscheiden. Menschen stellen, neben anderen Wesen, einen Zweig am Baum der Evolution des Lebens dar. Das Wissen, dass Menschen eine Tierart unter vielen sind, lässt viele Menschen bereits von „Menschen“ und „anderen Tieren“ sprechen. Gerade in Bezug auf ihre Leidensfähigkeit sind Angehörige zahlreicher Tierarten uns Menschen vergleichbar. Diese vergleichbare Leidensfähigkeit macht Gewalt gegen Tiere moralisch ebenso verwerflich, wie Gewalt gegen Menschen.

 

Rück- und Ausblick
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Menschen es lange Zeit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, christlichen und moralischen Maßstäben für vereinbar hielten, Menschen anderer Hautfarbe zu quälen und Frauen zu foltern. Diese Taten verurteilen wir heute als unfassbare Barbarei.

Unser Umgang mit Tieren erinnert an den Umgang mit andersartigen Menschen in anderen Epochen oder anderen Kulturen. Manchmal wird gesagt, Tierversuche seien Naziverbrechen vergleichbar. Doch beides kann nicht ohne weiteres verglichen werden. Zwar werden auch bei Tierversuchen massenhaft Tiere zu Tode gequält, doch tun Menschen dies nicht, weil sie sich durch die jeweiligen Tierarten bedroht fühlen oder diese regelrecht hassen. Die qualvolle Nutzung dieser Tiere erscheint ihnen ganz einfach nützlich und sie schätzen Tiere gering. Tierquälerei aus Nützlichkeitserwägungen kommt am ehesten der Sklaverei nahe. Auch „Sklaven“ wurden rücksichtslos ausgebeutet und gequält, wenn ihren „Haltern“ dies nutzbringend erschien. Die Masse der damaligen Gesellschaft schwieg lange dazu. Ebenso verhält es sich mit der Nutzung von Tieren unter anderem in der medizinischen Forschung. Man scheint allgemein sagen zu können, dass Menschen Unrechtsbewusstsein beim Quälen und / oder Töten anderer Wesen vermissen lassen, wenn sie diese als bedrohlich oder minderwertig einordnen und / oder das Quälen mit einem höheren Zweck begründen. Gruppenzwang oder Obrigkeitshörigkeit helfen zusätzlich, Zweifel zu verdrängen. Bemerkenswert scheint mir, dass viele Verbrechen gegen Menschen mit den gleichen Formulierungen („…ich musste so handeln, weil…“) entschuldigt wurden und werden, die für das Quälen von Tieren gewählt werden.
Ich bin der Überzeugung, dass wir einem Lebewesen, welches uns nicht angreift, unter keinen Umständen Leiden zufügen dürfen.   

Die oben angesprochenen Mechanismen machten es möglich, Menschen einer anderen Gruppenzugehörigkeit, z.B. Arbeiter, Bauern, Frauen, Behinderte, Schwarze, Juden, „Hexen“ oder „Zauberer“ zu diskriminieren, auszubeuten, zu foltern oder zu töten. Ein Zitat des Biologen Hanno Würbel scheint mir in diesem Zusammenhang passend: Wenn wir die bisherige Entwicklung im Umgang mit Minderheiten und andersartigen Lebewesen „…extrapolieren, dann ist nicht undenkbar, dass Menschen eines Tages mit Abscheu auf ihre Vorfahren zurückblicken, die mit Tieren Experimente anstellten, sie ausstellten oder aufaßen und Hunde und Pferde hielten wie einst Sklaven“ 7.

Die meisten von uns fühlen sich gegenüber eingeschränkt vernunftbegabten, nicht sprachfähigen oder nicht moralfähigen Menschen zu besonderer Fürsorge verpflichtet, denn sie sind besonders hilfe- und schutzbedürftig. Gegenüber Tieren in Laboren, die aufgrund ihrer Rechtlosigkeit hilfe- und schutzbedürftiger als jeder Mensch sind, verspüren viele diese besondere Fürsorgepflicht nicht. Der Grund mag sein, dass Tiere uns in optischer und kommunikativer Hinsicht relativ fremd erscheinen. Dies könnte zu einer geringeren Identifikation und weniger Empathie führen und sie als Opfer prädestinieren. Doch die Tatsache, dass wir für ein Lebewesen weniger Mitgefühl empfinden, rechtfertigt keine moralische Ungleichbehandlung. So wären wir sicher nicht damit einverstanden, wenn man uns selbst mit der Begründung, man empfinde kein Mitgefühl mit uns, zu grausamen Versuchen heranzöge.

Wir quälen Tiere willkürlich: weil es möglich ist und nützlich erscheint. Angesichts dessen, wie nah sie uns stehen, drängt sich die Frage auf, ab welchem Grad von Andersartigkeit wir jemanden zu unserem eigenen Nutzen quälen dürfen. Wenn vergleichbare Leidensfähigkeit besteht, werden wir keinen solchen Grad benennen können. Erschreckend finde ich, dass wir die gleiche Grausamkeit verschieden bewerten, je nachdem, wer ihr Leidtragender und wer ihr Nutznießer ist. Ich halte es mit der gängigen Auffassung von Menschenwürde und Humanität für unvereinbar, wenn wir zum eigenen Nutzen wehrlose Lebewesen quälen.

tl_files/_aft/bilder/tiere/Menschen und Tiere/Frau-Robby-2006.JPGBenachteiligte Menschen konnten und können häufig auf die ihnen gegenüber verübte Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Tiere können dies nicht. Vielleicht ist dies der wirklich relevante Unterschied zwischen uns und ihnen. Das würde allerdings eine erhöhte Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber Tieren begründen.

 

Literatur:

1 Der Vollständigkeit halber seien einige Quellen zur Aussagekraft von Tierversuchen  genannt: Pound, P. etBMJ 2004, 328, 514-517; Lindl, T.  et al, al, Where is the evidence that animal research benefits humans? Tierversuche in der biomedizinischen Forschung, ALTEX 3, 2005, 143-151;  Knight, A. et al, Animal carcinogenicity studies: Poor human predictivity in ALTEX 22, Special Issue 2005, 344

2 Xenotransplantation ist die Verpflanzung von Zellen, Geweben und Organen über Artgrenzen hinweg.(vgl.Schicktanz, S., Organlieferant Tier?, 2002, Frankfurt/ Main, Campus Verlag GmbH)

3 Meyer zu Vilsendorf, A. et al, Preconditioning with the prostacyclin analog epoprostenol and cobra venom factor prevents reperfusion injury and hyperacute rejection in dicordant liver xenotransplantation in Xenotransplantation 2001: 8, 41-47

4 Rasper, M., Haben Tiere Moral? In Natur und Kosmos 06/ 2005, S.20-27   

5 vgl. Ach, J. S., Warum man Lassie nicht quälen darf, 1999, Erlangen, Fischer, Kapitel IV, S. 134

6 Laufmann, Peter, Die Evolution der Intelligenz, Natur und Kosmos 9/2004, S.23-29

7 vgl. Würbel, H., Tierschutz und Ethologie, 2006, In: Kongressband zur Fortbildung am 6.5.2006, Landestierärztekammer Hessen, pp. 145-153.

Foto: Ärzte gegen Tierversuche e.V.

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