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Gratis Kaffeemaschine beim Kauf von genmanipulierten Mäusen

Tagung zur „Vermeidung“ von Tierversuchen in Duisburg

„Tierversuche vermeiden – Tierschutz, Wissenschaft und MausBehörden im Dialog“ war der Titel einer Fachtagung, zu der das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen am 24. Januar nach Duisburg eingeladen hatte. Auch drei unserer Mitglieder nahmen teil. Vertreter von Tierschutzverbänden, Genehmigungsbehörde und Wissenschaft legten ihre Sicht auf Tierversuche dar. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion wurden grundlegende Konfliktlinien deutlich. Wir empfehlen, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen, denn man bekommt dabei eine Menge zusätzlicher Informationen.  

Staatssekretär Peter Knitsch (SPD) kritisierte in seinen Eröffnungsworten die deutsche Umsetzung der EU-Richtlinie zu Tierversuchen. Er erwähnte insbesondere, dass die Bundesregierung keine Leidensbegrenzung für die Tiere eingeführt hatte. Für den Deutschen Tierschutzbund e.V. ging Roman Kolar, stellvertretender Leiter der Akademie für Tierschutz, auf Fragen der Ethik, Auswüchse der Tierversuchsindustrie und Fakten zum rechtlichen Rahmen von Tierversuchen ein. Dass eine gewaltige profitorientierte Industrie das Festhalten am Tierversuche befördert, illustrierte der Biologe mit einer Werbe-Email aus seinem Spam-Postfach: Darin warb ein „Versuchstier“-Lieferant um Kunden, indem zur Bestellung genmanipulierter Mäuse eine gratis Kaffeemaschine in Aussicht gestellt wurde. Kolar, der selbst zum Genehmigungsverfahren für Tierversuche geforscht hat, gab außerdem zu bedenken, dass in Deutschland so gut wie jeder Tierversuch genehmigt werde und das neue Gesetz die Prüfkompetenzen der Behörden zudem illegitim einschränke.

Prof. Ellen Fritsche vom CERST NRW (Centrum für Ersatzmethoden zum Tierversuch) erläuterte ihre aktuelle Forschung zu tierversuchsfreien Tests auf Entwicklungsneurotoxizität. Für den Verband Menschen für Tierrechte war über Skype Dr. Christiane Baumgartl-Simons zugeschaltet. Wie Peter Knitsch lobte sie die Initiative der Niederlande zur Abschaffung bestimmter Tierversuche, führte aber auch aus, dass diese eben nicht allumfassend sei. Geplant sei etwa nicht die Abschaffung von Tests zur Registrierung neuer Substanzen und von Tierversuchen in der Grundlagenforschung.

Prof. Gero Hilken, Leiter des Zentralen Tierlabors Essen, eröffnete als Vertreter „der Wissenschaft“ seinen Vortrag mit der Frage, ob die Diskussion um Tierversuche „notwendig oder scheinheilig“ sei. Er argumentierte, wer schwerkrank am Boden liege, wolle auch die aus Tierversuchen resultierenden Therapien für sich in Anspruch nehmen. Es fielen Sätze wie: „Warum kann ich hier stehen und behaupten, dass Tierversuche notwendig sind? Weil sie in den Bereichen Herz-Kreislauf-Forschung […] usw. durchgeführt werden“ und „So eine Schlaganfall-Maus läuft eigentlich in Richtung gesunder Gehirnhälfte. […] Nachdem sie den Antikörper gekriegt hat, läuft die gewissermaßen geradeaus. Also: ein großer Erfolg.“

Aus diesen Äußerungen wird deutlich, dass die Sprache der Tierversuche das einzelne leidende Tier zu einem sich anbietenden Material macht („Modellorganismen“, die „besonders zugänglich für […] Forschung“ sind). Die Strategie von Tierversuchsexperimentatoren das Vorhandensein von tierexperimenteller Forschung mit ihrer Notwendigkeit gleichzusetzen („warum [sind] Tierversuche notwendig?“ – „Weil sie […] durchgeführt werden“), ist platt, aber wirksam. Gerade das Beispiel Schlaganfallforschung zeigt jedoch, dass Erfolge für Menschen auch nach dem „großen Erfolg“, dass eine Maus wieder geradeaus läuft, schlichtweg ausbleiben können.

In der abschließenden Podiumsdiskussion erinnerte Roman Kolar an den Titel der Veranstaltung: „Tierversuche vermeiden“ und kritisierte die Strategie Hilkens, Tierversuchsgegner in ihrer Angewiesenheit auf medizinische Hilfe der Scheinheiligkeit zu beschuldigen. Diese Einschüchterungstaktik nannte er „eines Wissenschaftlers unwürdig“.

Als Vertreterin des LANUV (Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen) stellte Dr. Gerlinde von Dehn das Genehmigungsverfahren für Tierversuchsanträge. In der anschließenden Fragerunde erkundigte sich Astrid Reinke danach, wie oft das Veterinäramt einzelne Versuchsprojekte kontrolliert. Ebenfalls aus den Reihen des Publikums meldete sich ein Mitarbeiter eines Veterinäramtes, der erklärte, man versuche (!), die Tierhaltung zu überprüfen. Das gehe aber nicht in die Tiefe und de facto kontrolliere man die Durchführung der einzelnen Versuche nicht. Dafür habe man keine Ressourcen.

Vereinzelt zeigten sich bei dieser Tagung Ansätze zu einem politischen Willen zum Ausstieg aus dem Tierversuch. Durch Aufklärung über die grundsätzliche ethische Verwerflichkeit von Tierversuchen und ihre überzogenen Nutzenansprüche werden wir bei Achtung für Tiere weiter daran mitarbeiten, dass dieser Wille auch zur Abschaffung von Tierversuchen führt.

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