Henriette
Henriette und Charlotte kamen zusammen zu uns und sind kurz nacheinander gestorben. Die beiden weißen Schönheiten waren die ersten Opfer menschlicher Gier nach Waren vom Tier, die wir aufnehmen konnten. Obwohl sie aus „Freilandhaltung“ kamen, waren sie, erst eineinhalb Jahre alt, ausgemergelt und wundgepickt an Kopf, Hals und Hinterteil und hatten viele Federn gelassen.
Freilandhaltung heißt in den meisten Fällen tausende Hühner, die nicht individuell beobachtet werden können, auf strukturlosem Gelände unterzubringen, wo es wenig zu erkunden gibt, um Langeweile zu entkommen. Und natürlich unter riesiger Anstrengung jeden Tag ein im Vergleich zum Körper riesiges Ei erst bilden und dann noch aus sich herauspressen zu müssen. Unglaublich, wenn man diese zarten Wesen ansieht.
Charlotte und Henriette wollten sich nie anfassen lassen, aber sie nahmen gerne Leckerbissen aus der Hand. Mit der ersten Morgendämmerung und manchmal auch davor verlangten sie, zusammen mit den anderen und mit lautstarker Unterstützung durch Caruso (der seinem Namen alle Ehre macht), in den großen Freilauf zu gehen. Seit sie bei uns waren, verbrachten sie nicht einen einzigen Tag drinnen, egal ob die Sonne schien, ob es stürmte, hagelte, regnete oder schneite. Nichts konnte sie drinnen halten, nachdem sie die schreckliche Eiablage hinter sich gebracht hatten. Den ganzen Tag waren sie unterwegs: Sie schritten gemächlich, stolzierten aufmerksam auf der Suche nach Leckerlissen, rannten um die Wette, nahmen ausgedehnte Sandbäder, kuschelten miteinander und nahmen zur Nacht von selbst im Stall ihre angestammten Plätze ein, um sich die wohlverdiente Nachtruhe zu gönnen. Hühner sind wirklich erstaunlich. Sie sind ganz und gar tolle Wesen und werden doch so verkannt und massakriert. Ohne dass viele Menschen mit der Wimper zucken.
Charlotte und Henriette, leider wart ihr nur eineinhalb Jahre bei uns. Ihr habt den Lebenshof bereichert, ihn schöner gemacht. Vielen Schülerinnen und Schülern und auch Erwachsenen habt ihr gezeigt, dass Hühner klug, spannend, unternehmungslustig und empfindsam sind.
Wir werden euch nie vergessen, die ersten Massentierhaltungsopfer, die hier nach wenigen Monaten ihre ganze Schönheit zeigen konnten!

