Aktivitäten > Tierschutz-Aktionen > "Leiden und Wohlbefinden bei Tieren": Eine Tagung zum Leidwesen der Tiere

Eine Tagung zum Leidwesen der Tiere

Wenige Monate vor der Vereinsgründung besuchten drei Mitglieder von Achtung für Tiere im September 2007 die zweitägige Tagung „Leiden und Wohlbefinden bei Tieren“. Sie wurde von der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung (IGN) in Zusammenarbeit mit der Professur für Tierschutz und Ethologie der Justus-Liebig-Universität Gießen veranstaltet.

tl_files/_aft/bilder/themen/Tagung-Leidwesen-Tiere1.JPGBei einem Kongress zu diesem Thema darf man erwarten, etwas über die wahren Empfindungen von Tieren zu erfahren, über das Leid, dem sie in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind und über ihre wirklichen Bedürfnisse hinsichtlich ihres Wohlbefindens. Doch es kam anders. Einzig der Vortrag von Jonathan Balcombe erfüllte diese Erwartung - dazu unten mehr.

Um deutlicher zu machen, worin die Widersprüchlichkeit bei diesem Kongress bestand, sollten wir uns die Realität bewusst machen, die die meisten Referenten und Teilnehmer scheinbar ausblendeten: Tiere werden in Tierversuchen, in der Landwirtschaft im sogenannten "Reitsport“, „Brieftaubensport“, „Angel“- oder „Jagdsport" und in vielen anderen Bereichen durch den Menschen wie selbstverständlich ausgebeutet und gequält. Ihre Leidensfähigkeit und ihre Bedürfnisse nach Bewegung, Geselligkeit und Spiel werden dabei völlig ignoriert. - Von den Vortragenden wäre ein Plädoyer für Gerechtigkeit auch gegenüber Tieren als Mitglieder unserer Gesellschaft zu erwarten gewesen. tl_files/_aft/bilder/themen/Tagung-Leidwesen-Tiere.JPG

Alleine Jonathan Balcombes Vortrag ging in diese Richtung. Er referierte über „Animal Pleasure and Its Moral Significance“ und zeigte eindrücklich, wie Tiere in freier Natur leben, dass sie offensichtlich nicht nur frei von Schmerzen sein, sondern sich auch vergnügen und ein „erfülltes Leben“ haben möchten.1

Ansonsten wurden eine Reihe von Studien präsentiert, die mit Hilfe von Tierversuchen beweisen sollten, dass Tiere Schmerzen und Leid empfinden und in wie weit diese von bestimmten Bedingungen abhängig sind. In solchen Versuchen werden beispielsweise Hamster minutenlang ihrem Todfeind ausgesetzt. Dadurch soll herausgefunden werden, ob das sogenannte Handling (das In-die-Hand-Nehmen) ähnlich starken Stress auslöst. Außerdem wurden Ansätze vorgestellt, wie das Leid der Tiere in der Intensivhaltung verringert werden kann. So verglich zum Beispiel eine Studie verschiedene Enthornungsgeräte für Kälber. Die Kontrollgruppe bleibt bei diesem Versuch sogar unbetäubt. Weiterhin wurde eine Studie „zur Etablierung von Modellen für die [genetische] Krankheitsresistenz bei Schweinen“ vorgestellt. Hierbei geht es um die Ermittlung von Genvariationen und verantwortlichen Genorten der von Natur aus resistenten Tiere, um später „die Tiergesundheit beim Schwein zu verbessern und damit Schmerzen, Leiden und Schäden bei diesen Tieren zu mindern“. Hierfür werden die Tiere im Versuch künstlich mit Krankheiten infiziert.

Die meisten dieser Untersuchungen sollen die Leidverringerung der Tiere zum Ziel haben. Allerdings sind dabei einige Aspekte paradox. Erstens ist es ethisch nicht vertretbar, den einen Tieren des Beweises wegen Schmerzen zuzufügen, um später die Qualen anderer Tiere mindern zu wollen. Zweitens wird stets die Nutzung der Tiere unkritisch als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Angebracht wäre vielmehr, von einer Leidensfähigkeit der Tiere auszugehen und das Quälen grundsätzlich zu verbieten, selbst wenn es wissenschaftlichen Zwecken dient. Wer also Tiere in irgendeiner Weise nutzt, sollte zunächst beweisen müssen, dass es dem Tier nicht schadet. Ein Vortrag, der grundsätzlich die qualvolle Nutzung von Tieren durch den Menschen in Frage stellte und den Verzicht auf die landwirtschaftliche Intensivhaltung 2 forderte, fehlte auf der Veranstaltung in Gießen gänzlich. Dies überrascht und verdeutlicht, dass ganz grundlegende Überlegungen zum Mensch-Tier-Verhältnis ausgeblendet werden – Ein Armutszeugnis für die dort vortragenden WissenschaftlerInnen. Es scheint für sie selbstverständlich zu sein, Tiere auf die Bedürfnisse des Menschen „zuzuschneiden“ und ihnen Leiden aufzubürden, selbst wenn es lediglich um einen Gaumenschmaus geht. Die Leiden der Tiere hierbei lediglich ein wenig zu lindern, ist zu wenig.

Kritische Anmerkungen zu diesem Thema gab es kaum. Hanno Würbel (Professur für Tierschutz und Ethologie, Gießen) warf zum Vortrag über Krankheitsresistenz bei Schweinen ein – und er tat dies mit Hinweis auf seine Moderatorenrolle und die damit verbundene Pflicht, auch kritische Diskussionen anzuregen – dass man sich ja nun generell fragen könne, weshalb nicht die Intensivhaltung von Schweinen an sich abgeschafft würde. Der Referent antwortete, dass wir, die Verbraucher, die Massentierhaltung mit unserem Konsum bestimmten. Deshalb müssten Lösungen für die damit verbundenen Krankheiten gefunden werden. Außerdem kämen die Ergebnisse seiner Untersuchung auch den Tieren in der Haltung nach Bio-Standards zugute, denn die seien keineswegs frei von Infektionen.

Sollte dem Referenten entgangen sein, dass auch Tiere in „Öko-Haltung“ keineswegs ein artgerechtes Leben führen und häufig, wie konventionell gehaltene Tiere auch, zu Massenschlachthöfen transportiert werden um dort in Massen zu sterben?

Enttäuschend, wie abgestumpft die vortragenden Wissenschaftler, darunter einige Tierärzte, angesichts von Tierleid zu sein schienen. Ihre Präsentationen ließen keinerlei Einfühlungsvermögen für unsere Mitgeschöpfe, die nichtmenschlichen Tiere, erkennen. Vielmehr zeugten etliche Arbeiten von der ihnen bereits während der Ausbildung eingeimpften Einstellung, Tiere als Nutzobjekte für den Menschen zu verstehen.

Diese Abstumpfung wurde auch in Frau Reinkes Nachfrage zum bereits erwähnten „Todfeind“-Vortrag deutlich. Sie wollte wissen, weshalb dieser Tierversuch mit der Belastungskategorie 0 (entspricht "keiner Belastung" gemäß den Richtlinien des schweizerischen Bundesamtes für Veterinärwesen) bewertet worden war, obwohl das Tier Todesangst gelitten habe. Die Antwort darauf lautete, dass dem Hamster ja nichts geschehen sei und der Versuch nicht tödlich ende. tl_files/_aft/bilder/themen/Tagung-Leidwesen-Tiere5.JPGMan stelle sich jedoch nur einmal vor, wie stark die Belastung für einen Menschen ist, wenn er über eine Dauer von 10 Minuten (!) Todesangst empfindet! Anmerkung: Auf dem Gelände der tierärztlichen Bildungsstätten begegnet dem Besucher regelmäßig Werbung einflussreicher Pharmakonzerne. Die Gießener Tagung wurde durch einen Informationsstand der Firma Bayer „bereichert“. Ferner fand sich auf dem Gelände eine Skulptur der Firma Vetoquinol.

1 Jonathan Balcombes Buch „Tierisch vergnügt“ ist 2007 im KOSMOS Verlag erschienen.
2 Der Ausdruck „Intensivhaltung“ wird hier verwendet, da er im Sprachgebrauch üblich ist. Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass er die Tatsache der quälerischen Massentierhaltung nicht angemessen wiedergibt, sondern beschönigt.

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