Offener Brief zur Kaninchenhaltung im Gartenschaupark Rietberg

11. August 2022 | Tierschutzfälle

An die Geschäftsführung des Gartenschauparks Rietberg

und Bürgermeister Andreas Sunder

Varensell, 11. August 2022

Offener Brief zur Kaninchenhaltung im Gartenschaupark Rietberg

 

Sehr geehrter Herr Wiethoff, sehr geehrter Herr Sunder,

seit Jahren bitten uns Menschen, etwas gegen die artwidrige und lieblose Kaninchenhaltung im Gartenschaupark Rietberg zu unternehmen. Wir verweisen sie an das Kreisveterinäramt und die Stadt Rietberg, da wir als gemeinnütziger Tierschutzverein weder personelle Ressourcen für Tierschutzkontrollen noch hoheitliche Befugnisse haben, Tierhaltung zu untersagen.

Am Sonntag, den 17. Juli war ich mit Mitgliedern von Achtung für Tiere zum ersten Mal im Park und wir sahen die Kaninchen zufällig. Die Lebensumstände der Tiere waren so schlecht und bedrohlich, dass ich noch am selben Abend das Veterinäramt benachrichtigte und in der Folge noch mehrfach kontaktierte. Am Sonntag hatte ich noch die Erwartung, dass die Züchter von sich aus noch am selben Tag kommen und die schlimmsten Dinge abstellen, frisches Wasser und Futter geben und die Tiere in die luftigeren Ausläufe lassen würden. Am folgenden Nachmittag fanden wir aber wieder die Tiere zu zweit oder allein in den Kisten vor, teilweise ohne Wasser und Nahrung, teilweise mit wenig und verdrecktem Wasser, ohne Ventilation in dreckigen stinkenden Kisten. Die Tiere konnten sich hier nicht artgemäß verhalten, mussten inmitten ihrer Ausscheidungen essen, trinken und ruhen. Die Temperatur betrug in Rietberg am 18.7. 33 Grad, am 19.7. dann 39 Grad.

Mängelliste (belegt in Fotos und Videos, durch Zeugen)

  • Einzelhaltung der meisten Tiere
  • Kisten mit Kot und Urin verdreckt, Gestank, Fliegen, ein Tier war hinten feucht, Myiasisgefahr!
    Trinkwasser und Nahrung fehlten mehrfach in mehreren Kisten, in anderen Kisten war wenig und dreckiges Wasser
  • Verdreckte Näpfe, die auch vorm Nachfüllen nicht gereinigt wurden
  • Heuraufen über Kopf angebracht, so dass die Tiere Männchen machen müssen, um zu essen
  • Als Montagabend jemand mit Pellets und Wasser kam, aßen und tranken die Tiere sofort ausgiebig.
  • Die Tiere wurden mit Pellets gefüttert, Frischfutter fehlte und wird von den Züchtern laut Aushang abgelehnt.
  • Tiere wurden in kleine Kisten eingesperrt gehalten, zwei Tierlängen kurz, ohne Auslauf; Laufen, Springen, Haken schlagen unmöglich
  • keine Aufteilbarkeit des Lebensraums in Erkundung, Bewegung, Ernährung, Ausscheidung, Ruhen, Sozialverhalten ersichtlich, Tiere mussten in oder neben Ausscheidungen essen, trinken und ruhen.
  • Verschiedene Ebenen und Strukturelemente fehlten, keine Grabmöglichkeit, keine Tunnel, Röhren, Steine, Äste…
  • Fehlende Absperrung zu Besuchern – diese können die Tiere bedrängen, füttern, Finger durch Gitter stecken, es fehlt jegliche Rückzugsmöglichkeit
  • Das alles bei bis zu 39 Grad – von 5 Seiten geschlossene Kisten, alle Tiere atmeten extrem schnell, zeitweise stand die Sonne voll und mehrfach teilweise auf einigen Kisten. Die Tiere hatten aufgrund der Enge kaum die Möglichkeit, wenigstens dem Teil-Schatten zu folgen. Kisten heizen sich bei solchen Temperaturen sogar dann auf, wenn sie komplett im Schatten stehen. Kaninchen leiden ab 25 bis 28 Grad Hitzestress, können kollabieren. Kaninchenzüchter sollten das wissen. Die Tiere schoben Stroh weg, kratzten auf dem Boden – das konnte ihnen natürlich nicht helfen, es kühler zu haben.
  • Zwei Tiere zeigten stereotype Bewegungsmuster.
  • Die Angaben in den Aushängen zur Ernährung, Verhalten und Haltung von Kaninchen weisen gravierende Fehler auf. Diese Fehler den vielen Parkbesuchern in Wort und Anschauung als fachmännische Haltung zu vermitteln, ist eine Katastrophe für die Tiere. Wie viele Menschen mögen sich in den letzten 12 Jahren Kaninchen angeschafft und die artwidrige tierquälerische Haltung nachgemacht haben?

Unsere Beobachtungen lassen unserer Ansicht nach nur den Schluss zu, dass den für die Tiere verantwortlichen Personen Kenntnisse über Verhalten und Grundbedürfnisse von Kaninchen fehlen. Davon zeugen auch die Ausführungen auf den Aushängen. Auch wenn es immer noch nicht verboten ist, Tiere auf engstem Raum einzusperren, so ist das trotzdem für die Tiere qualvoll. Die Beobachtung, wie sich Kaninchen in Freiheit verhalten, und der Vergleich damit, was davon sie in Kisten ausleben, zeigt, was ihnen fehlt.  Der Gartenschaupark sollte nicht mithelfen, Zucht und Haltung durch Ausstellung einer tierquälerischen artwidrigen Haltung noch zu bewerben.

Es kann auch nicht angehen, dass erst zufällige Beobachtungen von Besuchern dazu führen, dass Tiere Hilfe erhalten, die bei tropischer Hitze auf engstem Raum eingesperrt und ohne Wasser und Futter sind. Kein Tierhalter darf so eine Situation entstehen lassen.

Jeder Tierhalter muss Grundkenntnisse haben, um Tiere zu versorgen und Hygiene zu gewährleisten sowie gesundheitliche Probleme zu erkennen. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf die Stellungnahme der Tierärztlichen Vereinigung Tierschutz (TVT), sowie die Bücher „Artgerechte Haltung – ein Grundrecht auch für (Zwerg-) Kaninchen“ von der Tierärztin Ruth Morgenegg, sowie „Kleine Heimtiere“ von Dr. Henriette Mackensen und Dr. Elke Deininger, Herausgeber Deutscher Tierschutzbund.

Kritik an der Kaninchenhaltung im Gartenschaupark ist nicht neu. Davon zeugen auch die Aushänge der Züchter selbst, die wie eine Verteidigung erscheinen und die inhaltlich falsch sind. Was darin über Sozialverhalten, Vergesellschaftung und Ernährung von Kaninchen zu lesen ist, ist auf perfide Weise dazu angetan, die artwidrige Haltung im Gartenschaupark als im Interesse der Tiere liegend erscheinen zu lassen.

Der Gartenschaupark verzeichnet keinen Mangel an Attraktionen. Die Missstände und die Einordnung der Haltung durch die Züchter selbst, die sich rühmen, seit 12 Jahren im Gartenschaupark auszustellen, liefern keinen  Anhaltspunkt dafür, dass sich an der Haltung der Tiere künftig etwas so massiv ändern wird, dass nicht mehr von Artwidrigkeit und Tierquälerei zu sprechen wäre.

Menschen, die an Tieren Gefallen finden, aber nicht über Fachwissen verfügen, können die Missstände nicht erkennen. Sie werden über artgerechte Tierhaltung getäuscht, die ja vermeintlich im Gartenschaupark von vermeintlich fachkundigen Personen betrieben wird. Jeden Tag, an dem die Kaninchenhaltung im Gartenschaupark weiterexistiert, werden vor allem Kinder und Familien über die Bedürfnisse der Tiere krass in die Irre geführt. Das schadet Tier und Mensch. Wir fordern Sie auf, im Interesse von Tier und Mensch für die sofortige Beendigung der Kaninchenhaltung im Gartenschaupark zu sorgen.

Für den Fall, dass in Zukunft die Kistenhaltung abgeschafft werden sollte, ist die Einzelhaltung in strukturlosen Ausläufen immer noch artwidrig und Gruppenhaltung wird in einem derartig eintönigen Umfeld immer noch häufig nicht gelingen. Der Grund dafür ist aber nicht, dass Kaninchen nicht in Gruppen leben können, sondern ein Lebensraum, der verhindert, dass sie ihren angeborenen Bedürfnissen entsprechend leben können.

Mit freundlichen Grüßen,

Astrid Reinke

für den Vorstand